Einleitung:

„Grau ist alle Theorie", dieser Satz spiegelt die Problematik wieder, im Unterricht erworbenes Wissen aus soziologischer, wie auch biologischer Sicht über Wahrnehmung - Konstruktion - Wirklichkeit in der Praxis umzusetzen.

Ausgangspunkt unserer Überlegungen war die Wahrnehmung über das Sinnesorgan „Auge". Wir wollten beweisen, daß Farben aus der Erinnerung heraus mittels Assoziationen, d. h. gegebener oder gemachter Erfahrungen gebildet, und Gegenstände damit bezeichnet werden und daß dieser Vorgang beeinflußbar ist.

 

 

Umsetzung:

Das größte Problem bei der Umsetzung unserer Idee war, zwei unterschiedliche Objekte mit ähnlicher Farbe zu finden, die sich in ihren Formen signifikant unterscheiden. Die Objekte mußten so bekannt sein, daß man bei der Betrachtung aufgrund der Form diesem sofort eine jeweils eigene Farbe zuweisen konnte, wie z. B. Herz=Rot, Meer=Blau. Eine Kirsche kann z. B. auch als

Apfel gesehen werden, Avocados sind nicht bekannt genug. Resultat war, daß wir uns für „Möhre" und „Banane" entschieden. Deren jeweils typischen Farben „Orange" und „Gelb" changieren zwischen „Hellorange" und „Dunkelgelb". Anschließend haben wir anhand einer Farbskala einen geeigneten Farbton ausgesucht und mischen lassen. Wir haben einen weißen Karton mit unserer Farbe coloriert. Anschließend wurde den Objekten die typische Form gegeben und aus ein und demselben Karton ausgeschnitten.

Ein weiteres Problem vor dem wir standen, war die Frage nach der Hintergrundfarbe unserer Objekte. Sie durfte den „Orange-Gelb-Ton" nicht beeinflußen, sondern mußte ihn optimal zur Geltung bringen.

Wir haben uns für schwarzen Tonkarton entschieden, da dieser das Licht absorbiert.

Die Eindeutigkeit der Formen haben wir durch Anbringen eines „Dole"-Aufklebers auf der Banane und Kombination der Möhre mit echtem Möhrengrün unterstützt.

Anschließend wurde ein Fragebogen entwickelt, der so gestaltet wurde, daß das eigentliche Ziel der Befragung - dieselbe Farbe, unterschiedliche Bezeichnungen - nicht im Vordergrund stand.

Weiterhin wurde ein Einleitungstext und ein erklärender Text entwickelt und Abstimmungsurnen zur Verfügung gestellt.

Abschluß der Ausstellung war eine täglich aktualisierte Auswertung der Fragebögen über die Farbwahrnehmungen.

 

 

Soziologischer Hintergrund:

Die Umwelt besteht aus Objekten, die wir mit Hilfe unserer sensorischen Oberflächen, über physikalische Reize wahrnehmen.

Dieser physikalische Reiz wird über elektrochemische Signale in das Gehirn weitergeleitet. Das Gehirn arbeitet konstruierend, und bei jedem wahrgenommenen Sinneseindruck greift es auf die, im Geächtnis gepeicherte Erinnerung zurück, um die momentane Wahrnehmung einzugliedern. Wahrnehmung ist somit individuell, da jeder eigene Assoziationen aufgrund seiner Genese mit seiner gegenwärtigen Wahrnehmung in Verbindung bringt und ihr so eine Bedeutung zukommen läßt. Da Gegenstände selber keine Farbe haben und wir die von ihnen reflektierten Lichtwellen über das Auge wahrnehmen, konstruiert das Gehirn mit Hilfe von Assoziationen Farben z. B. Zitrone=gelb, Himmel=blau, Erdbeere=rot.

Da das Gehirn selbstreferentiell arbeitet, kann es zwar von Ereignissen der Außenwelt beeinflußt werden, wobei die Art und Weise der Beeinflußung aber von ihm selbst festgelegt wird. Es weist Ereignissen Bedeutungen zu, die es aus sich selbst entnimmt.

Das Gehirn hat drei Möglichkeiten zur Überprüfung seiner internen Strukturen:

Fest vorgegebene Verdrahtung des Gehirns:
Diese führt zur Verbindung und Einschätzung des wahrgenommenen Reizes mit den dazughörigen Teilen des Gehirns, die in der Lage sind, der Wahrnehmung eine Bedeutung zuzuweisen. Grundlage sind phylogenitische und ontogenetische Erkenntnisse.

Parallele Konsistenzüberprüfung:
Das Gehirn vergleicht Mitteilungen der verschiedenen Wahrnehmungsorgane auf Übereinstimmung, und wenn Diskrepanzen vorliegen, werden kompensatorische Maßnahmen durchgeführt.

Konsekutive Konsitenzprüfung:
Das Gehirn prüft, ob die Wahrnehmung der sensorischen Oberfläche mit den im Gedächtnis vorhandenen Folien übereinstimmt b. z. w. Sinn macht. Diese Prüfung ist flexibel, korrigierbar und reguliert die Feinabstimmung.

Das Gehirn ist zwar über die Sinnesorgane mit der Umwelt verbunden, aber kognitiv von der Umwelt isoliert. Es kann von den Sinnesorganen nur indirekt beeinflußt werden und muß daraus die Vielfalt der Außenwelt konstruieren. Das Gehirn kennt kein Original, da alles Wahrgenommene mit Erfahrung und Erinnenrung behaftet ist.

 

Biologischer Hintergrund

Das Auge ermöglicht nicht nur die Formwahrnehmung sondern auch die Farbwahrnehmung.

Um Farben wahrnehmen zu können, d.h. reflektiertes Licht bzw. Lichtwellen, brauchen wir zwei Arten von Sinneszellen, Zapfen und Stäbchen, die sich in der Netzhaut befinden. Die Stäbchen benötigen wir für die Hell-Dunkel-Wahrnehmung, die Zapfen für die Farbwahrnehmung. Es gibt drei Arten von Zapfen: für die Blau-Wahrnehmung, für die Grün-Wahrnehmung und für die Gelb-Rot-Wahrnehmung. Die Zapfen für die Blau-Wahrnehmung werden bei Lichtwellenlängen von 430-480nm, die Zapfen für die Grün-Wahrnehmung 500-530nm und die Zapfen für die Gelb-Rot-Wahrnehmung bei Wellenlängen von 600-730 nm angregt bzw. vom Ruhepotential in ein Aktionspotential versetzt. Neue Farben, d.h. Mischfarben, werden durch Kombination verschiedener Wellenlängen bzw. verschiedene Anregung der Zapfenarten in unterschiedlicher Stärke komponiert. Aufgrund der Tatsache, daß das menschliche Auge nur in der Lage ist, Wellenlänge von 430 -750 nm zu erfassen, bleiben Wellenlängen außerhalb dieses Bereiches unbeachtet. Das bedeutet, wir können diese Farbwellenlängen nicht sehen, nicht wahrnehmen, nicht konstruktiv in unser Weltbild einbauen. Die Quantität bzw. Qualität des Lichtes bzw. der Farben wird von den Zapfen übersetzt und in Form von elektrochemischen Impulsen an das Gehirn weitergeleitet. Jedoch entstehen auf diesem Transportweg Lücken in der Übersetzung, denn die Nervenzellen, die den Sinneseindruck von der Netzhaut über Aktionspotentiale zum Gehirn weiterleiten, geben diesen Sinneseindruck nur in Form von Impulsen in schnellen oder langsamen Frequenzen (je nach Reizstärke) weiter. Eine ungereizte Nervenzelle, d.h. im Falle der Sehsinneszellen, daß kein Licht in entsprechender Wellenlänge auf sie trifft, befindet sich im Ruhepotential (Ruhepotential = durch die Kalium +- Ionen permeable Zellwand der Nervenzellen diffundieren Ka +- Ionen aufgrund der niederigen Ka +- Ionen im Außenbereich nach Außen, wodurch im Zellinneren eine negative Ladung und im Außenbreich eine positive Ladung entsteht. Diese Diffusion findet solange statt, bis ein Gleichgewicht zwischen dem Kaliumionen- konzentrationsunterschied und der elektrischen Spannung erreicht ist). Bei einer gewissen Erregungsstärke (Lichteinfall) wird diese Nervenzelle in ein Aktionpotential versetzt (Aktionspotential = die negativ geladene Zelle im Ruhepotenial öffnet vorher geschlossene Natrium +- Känale. Na +- Ionen strömen ins Zellinnere und kehren die Ladungsverhältnisse um). Das Zellinnere ist nun positiv, das Zelläußere ist nun negativ geladen. Aufgrund der jetzt entgegengesetzten Ladung zur Nachbarzelle wird diese durch die einsetzende Wanderung der Na +- Ionen auch in ein Aktionspotenial versetzt. Auf diesem Weg wird der Impuls von Nervenzelle zu Nervenzelle bis zum Gehirn weitergeleitet. Erst im Gehirn wird dem elektrochemischen Impuls eine Farbe zugewiesen. Die Ausgangszelle wird jedoch durch Na +- und Ka +- Ionenpumpen wieder in ihr Ruhepotential zurückversetzt. Für diesen Vorgang benötigt die Zelle ca. 1 ms. In dieser kann keine Erregung weitergeleitet werden. Diese Lücken werden vom Gehirn aufgefüllt, in dem es sich aufgrund von Erfahrungswerten diese Lücken selbst konstruiert. Da jeder Mensch in seinem Leben verschiedene, unterschiedliche Erfahrungen gemacht hat, füllt das Gehirn diese Lücken jweils anders l auf.

Die eigene, wahrgenommene Wirklichkeit ist somit eine konstruierte, subjektive Wirklichkeit und für jeden individuell.

 

Hallo Mitstudierende,

im Rahmen des Themas „Wahrnehmung" haben wir die Erkenntnis gewonnen, daß Wahrnehmung aufgrund unterschiedlicher Kategorien individuell ist. Dies wollen wir anhand der folgenden Befragung belegen und bitten Euch daher um eine wahrheitsgetreue Beantwortung.

 

Danke!


Form


Farbe

Bitte kreuze an, wie Du die Form der Möhre empfindest:

Hinweis: Mehrere Antworten sind möglich!

Bitte kreuze an, wie Du die Farbe der Möhre empfindest:

Hinweis: Nur eine Antwort ist möglich!

o Symmetrisch

o Angenehm

o Unangenehm

o Gebogen

o Gerade

o Hellgelb

o Sonnengelb

o Orange

o Hellrot

o Dunkelrot

Auswertung

Die Auswertung der Fragebögen in Bezug auf die Farbe von Möhre und Orange demonstriert anschaulich die von uns zuvor erstellte Hypothese.

 

Ergebnis

Farbe Teilnahme 60 Personen

Möhre Hellgelb 4

Sonnengelb 14

Orange 37

Hellrot 3

Dunkelrot 2

 

Farbe Teilnahme 54 Personen

Banane Hellgelb 1

Sonnengelb 45

Orange 5

Hellrot 2

Dunkelrot 1

Offensichtlicht war es den Probanten aufgrund ihrer individuellen Folien und der daraus resultierenden Konstruktionen nicht möglich, objektiv die Farbgleichheit zu erkennen. So wurde mit dem Begriff und der Form Möhre primär die Farbe orange und mit der Farbe und Form der Banane primär die Farbe gelb verknüpft.

 

Kritik

 

Natürlich gab es auch Kritik unserseits an dem Projekt (und wahrscheinlich nicht nur von unserer Seite). Als erstes mußten wir feststellen, daß der Ausstellungsraum ungeignet war. (dies ließ sich leider nicht vermeiden). Die Farbe der Wand war orange, wodurch die Farbe von Möhre und Banane verfälscht wurde. Eine optimale Beleuchtung hätte das Ergebnis objektiviert. Positiv auf die Auswertung hätte sich auch eine neutrale Umgebung ausgewirkt. Die Unruhe in den Räumen hat von den Projekten abgelenkt. Durch den laufenden Cafetenbetrieb konnten sich die Probanten nicht ausreichend auf die Ausstellung konzentrieren. Desweiteren fanden wir im die Wegweiser nicht eindeutig genug, da die Stellwand beidseitig einsehbar war. So wurde die Lösung den Aufgaben vorweggenommen. Dazu kam, daß unser Projekt durch ein anderes Projekt unterbrochen wurde. Ein weiterer Punkt hängt mit der Auswertung zusammen. Um das Ganze statistisch auszuwerten, hätte man auf unserem Fragebogen auch einen Punkt mit Geschlecht und Alter aufführen müssen. Wenn man davon ausgeht, daß mehr Männer als Frauen farbenblind sind, hätte das Ergebnis differenzierter betrachten werden können. Letzter Punkt auf unserer Liste ist die mangelnde Betreuung unsererseits. Es hat sich als wünschenswert herausgestellt, durch eine häufige Präsenz unsererseits, die Betreuung der Betrachter zu optimieren. Aufkommende Fragen oder Diskussionen hätten aufgegriffen und im persönlichen Gespräch geklärt werden können.

 

Literaturhinweis

Biologie, Springer Lehrbuch

dtv - Atlas zur Biologie

Lindner Biologie, J.B. Metzersche Verlagsbuchhandlung

Natura 3, Klett

Gerhard Roth „Erkenntnis und Realität"

Siegfried J. Schmitt

Grau ist alle Theorie, Video Aktiv